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Rillenputz und Mittelmeerfarben für den Campus Maschinenbau

© Auer Weber Architekten

Mittwochvormittag (24.01.18) auf der Campusbaustelle: Eine Bemusterung für das Farbkonzept steht an. Die ausführenden Architekten des Büros Auer Weber haben den Schweizer Künstler Jörg Niederberger mit der Fassaden- und Farbgestaltung für den Campusneubau beauftragt. Er ist heute in Begleitung seiner Mitarbeiterin Muriel Stern aus Luzern nach Hannover gekommen.

 

Das Gestaltungskonzept

Ein Rundgang über die Baustelle führt zu exemplarischen Punkten, an denen die Gestaltung testweise realisiert wurde. Man kann sich das spätere Gesamtbild in etwa so vorstellen:

  • An den Außenfassaden dominieren sandige Erdtöne, denen farbliche Akzente in Rot, Gelb, Blau und Grün aufgesetzt sind.
  • Den einzelnen Institutsgebäuden ist jeweils ein Farbthema zugeordnet, das innen wieder aufgenommen wird: Dort sind die Sichtbetonwände in den öffentlichen Zonen vollflächig mit durchscheinenden Farblasuren coloriert. Auch die Krananlagen der Versuchshallen und die Kautschukböden in den Laborbereichen sind auf die Leitfarbe abgestimmt.
  • Im SEKOM-Gebäude (dem Studierendenhaus Maschroom), das einen sozialen Schnittpunkt aller Campusaktivitäten bilden wird, finden sich auch alle Farben wieder und werden in unterschiedlichen Kompositionen zusammengestellt.
  • Im Hörsaal- und Dekanatsgebäude erhalten die beiden großen Hörsäle als Farbstimmung ein frisches, lichtes Blau bzw. Grün: Linoleumfußböden, Deckenfarbe und Wandvertäfelung sind aufeinander abgestimmt und kontrastieren mit den warmen Materialoberflächen der hölzernen Sitzreihen.

Wandflächen wie in Spanien oder Italien

Der durchgehende Eindruck ist der eines unaufdringlichen, leichten und schwebenden Farbspiels. Niederberger hat sich auf die Palette der Grundfarben beschränkt, die er so abmischt, dass sie nicht grell oder satt, sondern eher licht und kreidig wirken. Direkt auf den Putz oder den Beton aufgetragen erinnern sie an Wandflächen, wie man sie im Mittelmeerraum schon gesehen hat. „Man fühlt sich wie in Spanien oder Italien,” entfährt es einem Teilnehmer des Rundgangs.

Doch Niederberger variiert diese Flächen durch gezielte Nuancierungen. So sind die Farblasuren an den Innenwänden der Raumsequenzen unterschiedlich stark deckend aufgetragen und ergeben dadurch dezente Tonabstufungen und Kontraste. Die teilweise doch recht langen Flure und großen Treppenhäuser werden durch diese Abstufungen in kleinere Sektoren gegliedert und im Gesamteindruck rhythmisiert. In ähnlicher Weise wirkt auch ein weiteres charmantes Detail: Für die Treppenstufen in den Hörsälen wird auf den waagerechten Flächen ein helleres Linoleum verwendet als an den senkrechten, so dass hier der Rhythmus der Stufen optisch unterstrichen wird.

Grundlegende Intention: komplementäre Ergänzung

Gefragt, welche grundlegende Intention er mit seiner Gestaltung verfolge, antwortet Niederberger, er wolle das Bauwerk komplementär ergänzen. Als Anlage sei der Campus ja ziemlich groß und jeder der acht geometrischen Baukörpern imposant, wenn nicht gar wuchtig. Damit diese Baumassen nicht übermächtig und erdrückend wirken, habe er mit visuellen Variationen Impulse gesetzt, die das Ganze unterbrechen, auflockern, differenzieren. Er beschränke sich auf eine Palette mit wenigen Farben, die dem Gebäudeensemble einen harmonischen Zusammenklang verleihen, aber in ihren unterschiedlichen Kompositionen zugleich Abwechslung, Spannung, Charakteristik und Lebendigkeit hineinbrächten – er als Künstler spreche da auch von Poesie.

Nach außen am sichtbarsten wird Niederbergers Ansatz in der Fassadengestaltung. Dort kommt ein zweifarbiger Rillenputz zum Einsatz, der den großflächigen Gebäudefronten ein abwechslungsreiches Gesicht verleiht. Rillenputz entsteht, indem eine frische Putzschicht mit einer Zahnkelle oder einem Kammwerkzeug senkrecht oder waagerecht abgezogen wird; dabei bilden sich parallele Rillen oder Furchen mit markanten Hebungen und Senkungen, an denen die Sonne im Tagesverlauf mit Licht und Schatten spielt.

Niederberger lässt auf dem Campus Maschinenbau den Putz senkrecht kämmen und legt auf die erhabenen Stege zusätzlich eine Farbe auf. Sein Rillenputz ist in den Furchen erdig ockerfarben und auf den Stegen blau, rot, orange oder grün (je nach Gebäude). In der Folge ändern die Fassaden ihr Erscheinungsbild mit der Blickrichtung: Schaut man senkrecht darauf, sieht man beide Farben – schaut man in spitzem Winkel an der Fassade entlang, sieht man nur noch die Stegfarbe. Wenn man später das Campusgelände durchschreitet, wird sich der Farbeindruck aller Gebäude mit jedem Schritt leicht verändern. Die Gebäude korrespondieren optisch mit dem Betrachter, der sich zwischen ihnen bewegt: Je nach Standort und Blickfeld bieten sie sich in verschiedenen Erscheinungsbildern dar.

Noch echte Handarbeit

Aufgetragen und gekämmt wird der Putz in Handarbeit. Selbst bei perfekter Ausführung bilden sich dabei leichte Unregelmäßigkeiten aus. Diese Arbeits- und Verfahrensspuren sind Niederberger gestalterisch willkommen, denn sie geben den ebenmäßigen Betonfassaden einen handwerklichen Touch, ein Moment von Zufall und Natürlichkeit. Verwendet werden mineralische Putze und Farben, die aufgrund ihrer hygroskopischen Eigenschaften wenig empfänglich für Schimmel und Vermoosung sind; ihre offenporige Struktur kann Feuchtigkeit aufnehmen, so dass sich an der Oberfläche keine Pfützen sammeln.

Ob er Erfahrungen habe, wie diese Fassaden in einigen Jahren aussehen, wenn sie ein Stück gealtert sind, wird Jörg Niederberger abschließend gefragt. Alterungsbeständig seien sie ganz gewiss, dafür seien die verwendeten Materialien hochwertig genug. Auch ein wenig Patina könnten die Fassaden gut vertragen, ohne gleich schmutzig auszusehen. Was sich aber vor allem beobachten lasse: In einem ähnlichen Projekt, das er betreut hat – der Wohnsiedlung Kirchenfeldmatt im schweizerischen Muri –, gebe es nach fünf Jahren noch kein einziges Graffito. Er sehe das als stillschweigende Zustimmung zu seiner Arbeit, denn „Graffiti sind ja immer auch eine Auflehnung gegen Monotonie.”

Weiterführende Infos:

Die Fassaden- und Farbflächen werden sukzessive im Frühjahr und Sommer 2018 fertiggestellt. Eine Musterfassade lässt sich in der Nähe der Baustelleneinfahrt an der Osteriede begutachten. Eine umfangreiche Dokumentation seiner künstlerischen und gestalterischen Projekte bietet Jörg Niederberger auf seiner Webseite an.

Text: Eckhard Stasch (25.1.2018)